Kolumnen
Vom Hauptstrom zum Nebenfluss
Christentum in Deutschland
In der katholischen Kirche rumort es. Alte Männer streiten sich
mit anderen alten Männern um den Schwangerschaftsabbruch. Der Papst
macht seinen totalitären Herrschaftsanspruch geltend und die Bischöfe
gehorchen. Skurril anmutende Versammlungen seltsam gewandeter Greise
tauchen in den Fernsehnachrichten auf - Frauen sind nicht zu sehen.
Die Frage ist allerdings: Wen interessiert das eigentlich noch?
Der Machtverlust der katholischen Kirche ist – Gott sei Dank – inzwischen
so weit fortgeschritten, daß die Liberalisierung des § 218 unumkehrbar
geworden ist. Das Gleiche gilt für die Meinungs- und Glaubensfreiheit,
das (Frauen-)Wahlrecht und andere Menschenrechte, die in der Vergangenheit
gegen die christlichen Kirchen – oder jedenfalls ohne ihr Zutun
- durchgesetzt wurden. So gesehen ist der Niedergang des Christentums
seit der Aufklärung ein wahrer Segen – vor allem auch für uns Frauen.
Daß eine wie ich heute Gebete in weiblicher Gottessprache schreiben
und veröffentlichen kann, ohne dafür als "Ketzerin" verfolgt
und womöglich getötet zu werden, ist ein direktes Ergebnis dieser
Entwicklung. Frauen und Männer in früheren Zeiten hatten da weniger
Glück. Wenn ich an die breite Blutspur des Christentums quer durch
die Jahrhunderte und Kontinente denke – bis hin zum Holocaust, der
ohne den christlichen Antisemitismus nicht möglich gewesen wäre
– frage ich mich manchmal, ob diese Religion überhaupt noch zu "retten"
ist. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch neue Chancen und Möglichkeiten,
die sich aus dem zunehmenden Machtverlust der Kirchen ergeben. Wenn
das uralte Bündnis von "Thron und Altar" – dieser ungeheuerliche
Verrat an den Visionen des Jesus von Nazareth – endgültig zerbricht,
wird sich die Kirche endlich da wiederfinden, wo sie von Anfang
an hingehörte: An der Seite der Sprachlosen, Vergewaltigten und
Ausgebeuteten, an der Seite der "Letzten".
Nur aus dieser Perspektive – die nach biblischer Auffassung die
Perspektive Gottes ist – kann tiefgreifende Erneuerung und echte
Umkehr entstehen. Damit aus dem machtverseuchten Hauptstrom des
Christentums doch noch ein sprudelnder, singender Fluß wird. Wasser
des Lebens für alle, die davon trinken möchten.
© C. Moosbach Oktober 1999